Gestern Abend war ich zur Geburtstagsfeier eines Freundes in die Altstadt Osnabrück eingeladen. Ganz in seiner Nähe gibt es einen Parkplatz, bei dem ich in der Regel am Wochenende mein Auto auch über Nacht stehen lassen kann, sollte ich doch mal ein Bierchen mehr trinken. So wie gestern.
Als ich heute Nachmittag mein Gefährt abholen will, bietet sich mir ein zunächst ärgerlicher Anblick. An meiner Windschutzscheibe klebt ein bunter Flyer. Da es zudem regnet, klebt der Zettel an der Scheibe fest und hinterlässt unschöne Spuren, die sich nur schwer entfernen lassen. Ich werfe einen Blick auf die etwa postkartengroße Werbebotschaft und bin baff. Es handelt sich dabei um eine Reklame für ein ortsansässiges Freudenhaus. "Jetzt müssen sogar die Puffs schon mit solchen Flyern nerven. Das Geschäft scheint wirklich schlecht zu laufen", denke ich mir noch und setze mich ins Auto.Noch bevor ich den Motor anlasse, fällt es mir wie Schuppen von den Augen! Ich schaue mich um. Der große Parkplatz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Ich muss jetzt schätzen. Vielleicht 200 Autos, vielleicht auch mehr. An den meisten Scheiben klebt der Zettel mit dem Slogan "Ein Stück Osnabrücker Geschichte seit über 120 Jahren". Die Urheber werben darauf weiter mit "internationalen Schönheiten, die einen erotischen Top-Service anbieten und Sie von Kopf bis Fuß verwöhnen", einem Domina-Service und vielem mehr. Soweit nichts Besonderes!
Jetzt kommt es: Ich befinde mich auf dem Parkplatz des Osnabrücker Doms. Offensichtlich befinden sich viele der Autobesitzer (mit ihren Familien) im benachbarten Dom. Um mich herum stehen fast ausschließlich kirchliche Gebäude. Von Residenzen einiger Kirchenvertreter bis hin zum Bischöflichen Generalvikariat. Nun frage ich mich: Haben die Puff-Besitzer sich mit Absicht die Mühe gemacht, um am Sonntag an der Großen Domsfreiheit Werbung für ihr "Etablissement" zu machen und die Kirchengänger in ihren "Club" zu locken. Oder ist der Run auf die potentiellen katholischen Kunden - mit dem auf dem Flyer vermerkten Hinweis "Diskrete Parkmöglichkeiten hinter unserem Haus!" - purer Zufall.
So oder so darf es sich bei dieser Aktion wohl um die ungewöhnlichste Werbemaßnahme rund um das Kirchenviertel - praktisch im "Vorgarten" des Bischofs - gehandelt haben. Und sollte nun noch einer auf den Gedanken kommen und denken, ich sei in irgendeiner Art und Weise mit den Freudenhaus-Besitzern in geschäftlichem Kontakt (und mache hier absichtlich Schleichwerbung für sie), dann muss ich ihn enttäuschen. Und selbst wenn es so wäre, würde ich es sicher an dieser Stelle nicht zugeben. ;-)
In diesem Sinne wünsche ich allen betroffenen Osnabrücker Autofahren ausreichend Stehvermögen, sich dieses Mal nicht über den Flyer unter ihrem Scheibenwischer zu ärgern, sondern mit einem Schmunzeln darüber nachzudenken, ob diese Werbebotschaft vielleicht nicht auch in die umliegenden Postkästen geworfen wurde.
Das war das Wort am Sonntag!
Lieben Gruß,
Daniel

2 Kommentare:
Lieber Daniel,
wir weisen in unserer Zeitschrift "dran" auf deinen Blog hin. Wenn du möchtest, können wir dir in den nächsten Tagen ein Belegheft zuschicken. Bitte nenne uns hierzu eine Anschrift, an die unsere Zeitschrift geschickt werden kann. Unsere E-Mail Adresse ist info@dran.de
Viele Grüße und viel Spaß beim Reisen.
Corina
Jeder, der sich gegen Scheibenwischerwerbung (Visitenkaten, Flyer, etc am eigenen PKW) wehren will, kann sich beim zuständigen Ordnungsamt informieren, wie die Regelungen vor Ort sind und in welcher Form gegebenenfalls eine Anzeige eingereicht werden kann.
Zumeist wird diese Werbeform als Sondernutzung der Straße angesehen -> siehe Urteil des OLG Düsseldorf vom 01.07.2010 (Az. IV-4 RBs 25/10). Dafür braucht man dann gemäß der entsprechenden Satzung der Stadt VOR dem Verteilen eine kostenpflichtige (!) Genehmigung. Viele Städte erteilen absichtlich nur selten diese Genehmigungen, da sie löblicherweise diese Werbeform ihren Bürgern und ihrer Stadtreinigung ersparen wollen. Wenn man trotzdem diese Werbung am PKW vorfindet (es muss nichtmal der eigene sein!), kann Anzeige beim Ordnungsamt erstatten.
In welcher Form das geschehen soll, ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Oft reicht eine Email mit Ort und Datum des Vorfalls sowie Beweisfotos von der Werbung am PKW und vom Kennzeichen des betroffenen PKW. Insgesamt also ca. 15 min. Arbeit, die den illegalen Werbetreibenden bis zu 200€ kosten können (im Wiederholungsfall auch mehr) und einem selbst das gute Gefühl geben, dass man sich zumindest ein bißchen gegen diese Plage wehren kann!
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